Abschied von Gudrun Kemmler-Lehr
Ein persönlicher Nachruf für Gudrun Kemmler-Lehr
Sie war einfach immer da – wenn frau sie brauchte. Als engagierte und pragmatische, politisch versierte Kämpferin für Gleichstellung, für die Rechte der Frauen und deren Umsetzung, dies über viele Jahre hinweg, vor allem und dezidiert im Feld der räumlichen Planung. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, dass sie einmal nicht mehr da sein könnte – so einfach. Nicht zuletzt für Veranstaltungen, an denen es genau diese Stimme brauchte: die Stimme der Umsetzung von feministischen Ideen und Konzepten an die Basis der konkreten Planungspraxis.
In diesem Sommer hatte ich erfahren, dass sie an unerklärlichen Symptomen litt. Infolgedessen nahm sie wohl auch nicht an der Dialogveranstaltung «WOMEN* IN PLANNING. Feministische Impulse und generationsübergreifende Perspektiven» teil, die im Rahmen des WIA25 «Women in Architecture» Festivals am 26. Juni 2025 in Dortmund stattfand. Nicht nur ich vermisste sie sehr.
Ein Jahr zuvor noch, im Juni 2024, hatten wir die beiden Impulsreferate an der Konferenz «Wir müssen uns kümmern!? Gender als transformative Perspektive im Klimawandel» der Netzwerke GenderArchland & Frauennetzwerk Ruhr gehalten, die mit Unterstützung des Regionalverband Ruhr (RVR) in Essen durchgeführt werden konnte. Ihre Stimme aus der feministischen Praxis hatte Gewicht.
Und schon auf dem Symposium des vormaligen Forums für GenderKompetenz «Thinking beyond! 10 Jahre GenderPerspektiven in Architektur Landschaft Planung» im Juni 2018 an der Leibniz Universität Hannover war sie als erfahrene Fachfrau mit ihrem reichhaltigen Wissen über die Region und ihre Entwicklung aus Gleichstellungsperspektiven vertreten gewesen. Ihr Knowhow hätte sie gut auch im Rahmen des WIA25 Generationen Dialogs einbringen können. Sie fehlte.
Kennen und schätzen gelernt hatte ich Gudrun bereits viele Jahre zuvor vor allem in ihrer Rolle als Co-Vorsitzende der Fachkommission «Frauen in der Stadt» des Deutschen Städtetages, der ich bis heute als Ständiger Gast angehören darf. Gudrun leitete die Sitzungen mit ihrer natürlichen und sympathischen Autorität, mit der ihr eigenen Gelassenheit und Nonchalance, mit ihrer Expertise für kommunale und regionale Zusammenhänge, für politische Differenzen und strategisch kluge Vorgehensweisen im oft so heiklen Feld der Gleichstellung.
Mit Gudrun verband mich auch privat eine besondere Nähe, das hatte ich an punktuellen Begegnungen abseits der grossen und kleinen Konferenzen, an denen wir uns trafen, immer wieder festgestellt: fast auf den Tag genau gleich alt, beide verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder im gleichen Alter. Wir teilten auch privat viele Erfahrungen und Freuden, Sorgen und Nöte.
Im letzten Jahr dann meine Reise nach Wuppertal, die mich Gudrun erstmals auch in ihren eigenen vier Wänden und in ihrer Paarbeziehung kennen lernen liess: Dies schaffte eine weitere und besondere Nähe. Ganz spontan fühlte ich mich wie zu Hause.
Und am Ende meines Besuchs die gemeinsame Fahrt auf der Schwebebahn. Ein unvergessliches Erlebnis, wie mir Gudrun «ihre» Stadt näherbrachte. Leider unvollendet bleibt nun die in Aussicht genommene, gemeinsame Begleitung der Vorbereitungen zur Bundesgartenschau 2031 in Wuppertal, über die wir sprachen, zu der an der Konferenz in Essen auch erste gemeinsame Ideen entwickelt worden waren und für die Gudrun sich leidenschaftlich engagierte. Spätestens 2031 würde ich wieder nach Wuppertal reisen.
Daraus wird nun nichts mehr. Jedenfalls nicht so wie geplant. Gudrun ist nach kurzer schwerer Krankheit vor wenigen Tagen verstorben. Sie wird mir und all ihren Weggefährt:innen wie auch vielen ihrer Nachfolger:innen fehlen.
Für alle, die Gudrun kannten und beruflich schätzten, wird sie jedoch nicht zuletzt mit der jüngst erschienenen «Handreichung zur Erarbeitung einer Konzeption für eine klimaresiliente, gendergerechte Stadt & Region» (2022) in Erinnerung bleiben. Eine Publikation des Frauennetzwerks Ruhr in Kooperation mit der Gleichstellungsstelle des RVR, die Gudrun über Jahrzehnte geleitet hatte. Insoweit auch ihr Vermächtnis – und in der Überzeugung, den Klimawandel nicht ohne Gender Mainstreaming bewältigen zu können, eine Inspiration für die Planungspraxis.
Barbara Zibell, im Oktober 2025

Barbara Zibell
Barbara Zibell verantwortet bei uns Vision und Strategie, Forschung und Beratung, Transfer und Vermittlung.
Als Raumplanerin und GenderExpertin berät sie Städte, Gemeinden und Kantone sowie Stiftungen, Verbände und Genossenschaften in Fragen der baulichen und sozial-räumlichen Entwicklung.

